Gedanken zu „ZEITREISE – von ABBA bis SCHUBERT“ 1/3

Gründungszeit

Bei der Programm-Konzeption des Jahreskonzerts 2026 war die fast 170-jährige Vereinsgeschichte des LIEDERKRANZ KORNWESTHEIM für mich eine inspirierende Vorstellung: Welche Fülle an zeitgeschichtlichen Ereignissen hat dieser Verein erlebt, welche Lieder mögen in dieser langen Zeit gesungen worden sein? Die Quellenlage hierzu ist spärlich – immerhin: Zurzeit der Gründung des Vereins lebte Friedrich Silcher noch – der Meister des volkstümlichen Chorgesangs! Und mit Sicherheit wurden seine anrührenden Chorsätze auch von den Männern in Kornwestheim gesungen.

Am 2. Februar 1858 wurde der Kornwestheimer Chor unter dem Namen „Gesangverein“ vom Lehrergehilfen Gotthilf Sigle gegründet – erst am 2. Dezember 1872 konstituierte sich der „Gesangverein“ als LIEDERKRANZ KORNWESTHEIM.

Auch wenn sich wenig Konkretes zum Repertoire des Chores im Laufe seiner frühen Historie finden lässt: Die Idee einer musikalischen Zeitreise war geboren: Unser heutiges Programm lässt musikalische Höhepunkte der vergangenen Dekaden Revue passieren – und die ein oder andere Melodie wurde mit Sicherheit auch in Kornwestheim gesungen.

Unsere heutige Zusammenstellung kann selbstverständlich nicht „vollständig“ sein – eher herrscht das Prinzip vor: „Mut zur Lücke“! Mit ausgewählten Liedern bzw. „Werken“ aus verschiedenen Epochen sollen Komponisten erklingen, die ihre Zeit musikalisch geprägt hatten.

Im ersten Chorblock präsentiert der Chor a-cappella-Stücke bzw. Bearbeitungen „vor“ und „aus“ der Gründungszeit in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts:

Die Eröffnung des Konzerts mit der „Württembergischen Hymne“ Preisend mit viel schönen Reden führt uns auf unserer Zeitreise noch einmal zum jungen „Königreich Württemberg“: Den Text zu Der reichste Fürst schrieb 1818 der Tübinger Romantiker Justinus Kerner.  Er schrieb seinen Text zu einer Melodie, die nicht lange zuvor anonym entstanden war und zum ersten Mal 1801 in einem Liederbuch aufgezeichnet wurde. Auffallend sind die musikalischen Parallelen zur Marseillaise – die französische Revolution lässt grüßen…. Der früheste gemeinsame Abdruck von Text und Musik in dieser Form stammt aus dem Jahr 1823. Theodor Eschenburg schreibt dazu in seinen Erinnerungen an die Zeit der Verhandlungen um den Südweststaat:

„…der württembergische Patriotismus spielte eine starke Rolle. Unentwegt wurde das württembergische Nationallied (von Justinus Kerner) Preisend mit viel schönen Reden gesungen, in dem die deutschen Fürsten ihre Länder loben und bei dem es üblich war, dass die Leute die letzte Strophe, in der dem Württemberger, dem Grafen im Barte, der Preis zuerkannt wird, stehend sangen. Selbst die Kommunisten erhoben sich.“

Die Nacht ist ein Vokalwerk von Franz Schubert für vierstimmigen Männerchor, das 1823 veröffentlicht wurde. Es handelt sich um ein weltliches Lied, dessen Text von Friedrich Adolf Krummacher stammt. Das Lied besingt die nächtliche Ruhe und die Sterne, und zeigt in seinem innigen und anrührenden Ausdruck die Schubert’sche Meisterschaft in der Verbindung von Musik und Wort – Musik wird hier zur klingenden Poesie.

Mit ziemlicher Sicherheit dürften die Sänger der Gründungszeit aber Chorsätze vom Zeitgenossen Friedrich Silcher gekannt und gesungen haben: Frisch gesungen ist einer dieser wohlbekannten Klassiker des schwäbischen Chormeisters aus Schnait: Es preist die „heilende Kraft des Singens“ auf das menschliche Gemüt – gültig bis in unsere Tage!

Noch einmal wird der Abend und die Nacht besungen: Schon die Abendglocken klangen aus der Oper „Das Nachtlager von Granada“ gehört zu den heute noch sehr populären romantischen Opernchören mit einer schönen und eingängigen Melodie. Komponist Conradin Kreutzer stammt aus der Nähe von Meßkirch, ging auf die Lateinschule der Benediktiner-Abtei Zwiefalten und gilt als typischer Vertreter der deutschen Frühromantik. Bevor er seiner Berufung zum Komponisten und Musikers folgen konnte, musste er auf Wunsch seines Vaters aber an der Uni in Freiburg zuerst Jura studieren…

Das Finale des ersten Chorblocks ist dann eine Chorbearbeitung des 6. Ungarischen Tanzes von Johannes Brahms von Kurt Günth. Ursprünglich stammen die Melodien der Ungarischen Tänze nicht direkt von Brahms. Er lernte diese ungarischen Weisen bei seinen Auftritten mit den ungarischen Geiger Eduard Reményi kennen. Daraus arrangierte Brahms in den Jahren 1858 (Gründungsjahr des Liederkranzes) bis 1869 eine Fassung für vierhändiges Klavierspiel. Diese vierhändige Fassung verhalf Brahms zu großer Bekanntheit – in allen Bürgerhäusern mit Klavier wurden seine Ungarischen Tänze mit Begeisterung gespielt. Auch in der Chorfassung – mit einer kleinen Liebesgeschichte ausgeschmückt – wird das überschäumende „ungarische Temperament“ mit Witz und Charme hörbar…

Auch unsere diesjährigen musikalischen Gäste – das KORNWESTHEIMER AKKORDEON-ORCHESTER – fügen sich in unser Programmkonzept „nahtlos“ ein: Mit einem weiteren Ungarischen Tanz Nr. 5 von Brahms und einem SLAWISCHEN TANZ NR. 10 von Antonin Dvorak setzen sie den Chorausklang des ersten Chorblocks thematisch fort.

(Enrico Trummer)