Gedanken zu „ZEITREISE – von ABBA bis SCHUBERT“ 2/3

Vom Wiener Walzer zur Berliner Operette

Mit dem Frühlingsstimmen Walzer von Johann Strauss leitet das Akkordeon-Ensemble – auf instrumentale Weise – zu unserem nächsten Chorblock über: Wien – als Zentrum von Walzern und Märschen – prägte mit der Strauss-Dynastie ganz maßgeblich den Musikgeschmack in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts – und erreichte ganz sicher auch die Sänger des KORNWESTHEIMER LIEDERKRANZES.

Der Walzer An der schönen blauen Donau erklang zum ersten Mal am 15. Februar 1867 bei einem Faschingsball des Wiener Männergesangsverein – in einer gesungenen Version für Männerchor, die von der Kapelle des Infanterie-Regimentes 42 begleitet wurde. Dirigent war Rudolf Weinwurm, der auch die Chorstimmen eingerichtet hatte.

In die erste Fassung des Walzers hatte nachträglich Josef Weyl, der Vereinsdichter des Wiener Männergesang-Vereines, einen Text geschrieben, der mit den Worten „Fasching ist da“ begann. Dieser Text wurde von ihm rasch verworfen und „umgedichtet“: Der Anfang in der Uraufführung lautete nunmehr: „Wiener seid froh – oho, wieso?“ Weitere Textierungen folgten – blieben aber ohne durchschlagenden Erfolg. Erst im Jahre 1889 dichtete der Jurist und Ministerialbeamte Franz von Gernerth einen neuen Text, der mit „Donau so blau“ nun auch den Titel des Walzers berücksichtigte. Und zur Erstaufführung von Gernerths Text schrieb die Presse: „Es ist erfreulich, dass der…populär gewordenen Hymne der Stadt Wien nunmehr endlich auch ein ihr würdiger Text unterlegt ist.“ Diesen Text verwendet auch der LIEDRKRANZ in seiner heutigen Aufführung.

Dass dieser Walzer – zusammen mit dem Radetzky-Marsch – bis zum heutigen Tag als die „heimliche Hymne“ Österreichs gilt – wie auch als „Hymne der Stadt Wien“ – hatte einen ganz praktischen Grund: Als am 27. April 1945, anlässlich der Proklamation der Unabhängigkeit Österreichs keine Nationalhymne zur Verfügung stand, wurde vor dem Parlament der Walzer An der schönen blauen Donau intoniert. Ebenso wurde er bei den ersten Spielen der österreichischen Fußballnationalmannschaft nach dem Zweiten Weltkrieg gespielt – quasi als „heimliche Hymne“.

Auch von Johannes Brahms – einem engen Freund und Bewunderer von Johann Strauss (Sohn) – ist ein Kommentar zum Donau-Walzer überliefert: Auf dem Autografenfächer von Strauss’ Stieftochter notierte Brahms die Anfangstakte des Walzers und fügte hinzu: „Leider nicht von Johannes Brahms“. Ein schöneres musikalisches Kompliment ist wohl selten gemacht worden…

Schon fast wie beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker schließt auch der erste Teil des Jahreskonzert beim LIEDERKRANZ KORNWESTHEIM: Mit dem weltbekannten Radetzky-Marsch in einer Version für Männerchor und Akkordeon-Orchester (Instrument des Jahres 2026!) wird der Theatersaal im „K“ für einen Moment fast zum legendären „GOLDENEN SAAL“ im Wiener Musikverein.

Der Marsch hat einen geschichtsträchtigen Hintergrund: Johann Strauss (Vater) widmete ihn dem österreichischen Feldmarschall Josef Wenzel Graf Radetzky von Radetz. Er führte am 25. Juli 1848 die österreichischen Truppen bei der Schlacht von Custozza gegen das piemontesische Heer zu einem überzeugenden Sieg – und sicherte damit noch für einige Jahre die habsburgische Herrschaft über Ober-Italien. Der „Kaiser-treue“ und konservative Vater Johann Strauss (im Gegensatz zu seinem eher „modern-freiheitlich“ eingestellten Sohn Johann!) organisierte am 31. August 1848 ein Siegesfest in den Parkanlagen des „Wasserglacis“ in Wien „zu Ehren der tapferen Armee in Italien und zur Unterstützung der verwundeten Krieger“ an. Dabei kündigte er auch die Uraufführung eines neuen Marsches an, der als Radetzky-Marsch uraufgeführt wurde. Der Marsch in seiner originalen Fassung von 1848 ist dabei eigentlich ein fröhlich-beschwingtes Stück ohne jedes „martialische Gehabe“, mehr Tanz- statt Militärmusik!  Die hohe Popularität des Marsches führte bald dazu, dass auf seinen markanten Rhythmus (datadám datadám datadám damdám = drei Anapäste, ein Jambus) viele verdeckt oder offen spöttische Untertexte eingefügt wurden: z. B. Wenn der Mops mit der Wurst übern Eckstein springt und der Storch in der Luft einen Frosch verschlingt

Eine Tradition aus den Neujahrskonzerten könnte heute Abend durchaus auch in Kornwestheim Vorbild sein: Das Publikum klatscht dort – wie auch anderweitig – regelmäßig im Takt nach dem Dirigat mit – es darf also geklatscht werden…

Wie in den letzten Jahren eröffnet der Chor der Schillerschule mit einem Chorbeitrag den zweiten Programmteil: Trotzdem ist es heute eine kleine „Premiere“: Zum ersten Mal wird der Chor von Frau Yana Shevlyuge geleitet, die für die Einstudierung und Auswahl der Lieder verantwortlich ist. Man darf gespannt auf den Auftritt sein…

Die Fortsetzung der Zeitreise liegt nun wieder beim LIEDERKRANZ: Von Wien wechselt das Geschehen nach Berlin – und wir machen Station im frühen 20. Jahrhundert: Die musikalischen Protagonisten sind jetzt der sehr bekannte Paul Lincke und der wenig bekannte Siegfried Translateur.

Paul Lincke gilt als „Vater“ der Berliner Operette. Am Berliner Apollo-Theater feierte er mit seinen Operetten Lysistrata oder Frau Luna große Erfolge. Seine Melodien wurden bald zu Schlagern, die ganz Berlin und Deutschland in ihren Bann zogen! Mit einem kleinen Potpourri von Operettenauszügen erinnern wir an das Flair der Berliner Metropole, wie sie am Anfang des 20. Jahrhunderts – bis in die aufregenden „goldenen Zwanziger“ den Zeitgeist prägten: Evergreens wie Schenk mir doch ein kleines bisschen Liebe, Lose muntre Lieder, Glühwürmchen flimmre oder gar Das macht die Berliner Luft aus der „burlesk-phantastischen“ Ausstattungs-Operette Frau Luna haben bis heute nichts von ihrer Strahlkraft eingebüßt. Ähnlich wie dem Donau-Walzer in Wien ist auch Linckes Berliner Luft eine besondere Ehre zuteil geworden: Dieses Lied wurde zur „heimlichen Hymne“ der Stadt Berlin erkoren – und wird jedes Jahr bei den legendären Konzerten der Berliner Philharmoniker auf der Berliner Waldbühne am Ende als krönendes Finale gespielt – mitgesungen/mitgeklatscht von einem enthusiastischen Publikum.

Siegfried Translateur, gebürtig in Breslau, ausgebildet am Wiener Musik-Konservatorium und in Leipzig, wechselte 1909 als Kapellmeister nach Berlin. Er gründete dort einen Musikverlag und komponierte für diesen vorwiegend Märsche und Walzer. Unsterblichen Ruhm erlangte seine Walzerfolge Wiener Praterleben. Dieser Walzer – mit 17 Jahren 1892 komponiert – wurde vor allem in den 1920-er Jahren bei den Berliner Sechstagerennen populär – nicht zuletzt auch dadurch, weil das Berliner Original Krücke (bürgerlicher Name: Reinhold Habisch) dem 2. Walzer mit seinen witzigen Zwischenpfiffen eine „besondere Note“ verliehen hatte.

Tragisch war das Ende von Siegfried Translateur: Nach den „Nürnberger Gesetzen“ von 1935 galt er als „jüdischer Mischling“ und musste seine „nicht-arische“ Firma liquidieren. Am 19. April 1943 wurde er nach Theresienstadt deportiert, wo er am 1. März 1944 zu Tode kam. Am 18. Oktober 2024 wurden vor dem ehemaligen Haus in Berlin-Wilmersdorf, in dem er seit 1914 wohnte, zwei Stolpersteine für ihn und seine Ehefrau verlegt.

Eine neue Farbe in unsere Zeitreise bringen nun drei ebenso berühmte wie populäre neapolitanische Volkslieder, die aufgrund ihrer weltbekannten Interpreten (von Pavarotti bis Sinatra, Mario Lanza bis Andrea Boticelli oder Dean Martin bis Elvis Presley) zu wahren „Gassenhauern“ im 20. Jahrhundert geworden sind. In all diesen Liedern geht es meist um Liebe oder um die Schönheit der neapolitanischen Heimat. Dem Lied Torna a Surriento (Komm zurück nach Sorrent) von Ernesto De Curtis (Musik) und Giambattista De Curtis (Text) aus dem Jahre 1902 liegt ein historisches Ereignis zugrunde: Es entstand, um den italienischen Premierminister Giuseppe Zanardelli bei einem Besuch im Hotel Imperial Tramontano in Sorrent zu beeindrucken und zur Rückkehr zu bewegen. Das 1905 offiziell registrierte Lied ist ein Liebeslied an die Stadt Sorrent und gilt als Klassiker der italienischen Musik. Auch zur Entstehung von Marechiare existiert eine nette Anekdote, die vom Textdichter Salvatore de Giacomo stammt: Nach einer Bootstour durch den Golf von Neapel kehrte die kleine Gruppe um den Textdichter in einer Taverne in „Marechiaro“ ein: Die schöne Aussicht, ein Fenster mit einer Nelke, eine junge Frau, die den Dichter an vergangene Besuche erinnerten, inspirierten ihn zu seinem Liedtext. Da auch der Komponist Paolo Tosti zur Gruppe gehörte, bot ihm Salvatore an, gegen eine Gebühr von einem Pfund Gold, eine Melodie zu seinem Text komponieren zu dürfen. Tost nahm das Angebot an – und seine Melodie wurde weltberühmt…Auch die Entstehungsgeschichte von O sole mio ist überliefert: Komponist Eduardo di Capua befand sich 1898 mit dem Neapolitanischen Staatsorchester in der (damals) südrussischen Stadt Odessa. Aufgrund der dortigen Kälte und aufgrund seines Heimwehs nach Neapel konnte er in seinem Hotelzimmer nicht einschlafen. Als am Morgen die Sonne aufging und durch das Hotelzimmer schien, kam ihm die Melodie zu O sole mio in den Sinn. Di Capua unterlegte die Melodie mit den Versen des neapolitanischen Dichters Giovanni Capurro – und trotz des russischen Entstehungsortes war eines der berühmtesten neapolitanischen Volkslieder entstanden.